Zumutungen

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Gewerkschafltiche Gedanken zum Jahresrück- und -ausblick

Anfang Jahr. Zeit, zurück und zugleich nach vorn zu blicken. Zeit, darüber nachzudenken, was im alten Jahr gut, was weniger, was im neuen gleich & was besser laufen soll. Vielleicht auch Zeit für ein wenig Selbstkritik. Nicht zu viel - es war ja nicht alles schlecht; aber auch nicht zu wenig - man will ja bescheiden bleiben; zumindest sich selbst gegenüber. 

Das war der Plan. 

Ich wollte davon erzählen, dass ein kleinkarierter bürgerlicher Rekurs seit 18 Monaten verhindert, dass tausende Working-Poor in Zürich und Winterthur einen "Lohn zum Leben" als Gegenleistung für harte Arbeit und viel Einsatz erhalten. Inzwischen ist der Rekurs vor Bundesgericht; das Urteil lässt auf sich warten. 

Überhaupt Löhne: Verärgert hätte ich anschliessend darauf verwiesen, dass laut neusten Studien, die mittleren Löhne in der Schweiz trotz hoher Nachfrage nach Arbeitskräften - Stichwort "Fachkräftemangel" - seit acht (sic!) Jahren wie festgefroren sind. Historisch normal wäre ein reales Wachstum (also nach Abzug der Teuerung) von rund 1.2 Prozent. Pro Jahr. Effektiv sanken aber unsere Löhne um 0.5 Prozent seit 2016. Wir hinken also mächtig hinterher. Wobei "wir": Die Löhne der obersten Kader steigen und steigen (je nach Kaderfunktion real um bis zu 6 Prozent in der gleichen Periode). Immerhin hat der Lohnrückstand der Frauen weiter abgenommen auf noch rund 5.2 Prozent bei Arbeitnehmenden ohne Kaderfunktion. Ein schwacher Trost.

Wenig Trost dafür viel Arbeit verspricht auch der Blick nach vorne: der bürgerliche Angriff auf Arbeitsbedingungen & hart erkämpfte Errungenschaften läuft auf vollen Touren. Eine Standesinitiative des rechtsbürgerlichen Zürcher Parlaments fordert neu 12 statt 4 Sonntagsverkäufe. Es ist die logische Fortsetzung der Standortförderung; die neuen globalen Eliten langweilen sich offenbar am Sonntag in ihren Glaspalästen derart, dass sie nur noch im SUV-Shoppen an der Bahnhofstrasse ein bisschen Glück finden. Hätte ich vielleicht geschrieben; mich dann aber wohl korrigiert und den Zynismus zurückgenommen. Man will ja den bürgerlichen Partner nicht allzu sehr verärgern.

Allerdings, warum eigentlich? Fordert nicht Alt-FDP-Präsident Thierry Burkhardt in einer parlamentarischen Initiative eine massive Deregulierung unserer Arbeitszeiten? Mit Arbeitstagen bis zu 17 Stunden, 9 statt 11 Stunden minimalen Ruhezeiten und mehr Sonntagsarbeit? Der rechtsbürgerliche Nationalrat hat die parlamentarische Initiative jedenfalls durchgewunken; der Ständerat droht zu folgen. Am Ende entscheidet wohl - wie bei den Sonntagen - das Volk. Partnerschaft stelle ich mir anders vor.

Es wird überhaupt ein Jahr der grossen Debatten. Wohl Mitte Jahr kommt die Chaos-Initiative der SVP zur Abstimmung. Uralter Wein in neuen Schläuchen zwar. Aber schon jetzt ist klar, dass es dieses Mal knapp wird. Sehr knapp. Wir werden uns entscheiden müssen. Zwischen Abschottung oder Öffnung. Eigennutz oder Solidarität. Willkür oder Lohnschutz. Und ob wir bereit sind, den Preis zu zahlen für die Freiheit, dass wir da arbeiten und leben können, wo wir wollen. Oder nicht.

Über all das hätte ich schreiben wollen. Und dann wohl mit einigen positiven Gedanken geschlossen. Dem erfolgreichen Streik der Bauarbeiter für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag; dem Kampf der ZVV-Angestellten für faire Arbeitsbedingungen; der grandiosen Petition der Lernenden für 8 Wochen Ferien; dem Abstimmungserfolg gegen eine Senkung der Unternehmenssteuern in Zürich; und und und.

Das war der Plan.

Doch dann sind in Crans Montana 40 Menschen ums Leben gekommen und 116 wurden teilweise schwer verletzt. Der Wahnsinnige aus den USA hat die nächste völkerrechtswidrige Militäroperation gestartet. Vom Krieg in der Ukraine, der Zerstörung von Gaza und all dem anderen Leid in der Welt gar nicht erst zu sprechen. 

Und jetzt?

Wir werden weiterkämpfen müssen.

 

Serge Gnos, Präsident des Gewerkschaftsbundes Kanton Zürich, Co-Leiter Unia Zürich-Schaffhausen

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