Der historische Arbeitskampf der Busfahrer:innen in Winterthur beeindruckt und inspiriert. Jetzt müssen die Verantwortlichen handeln und für gerechte Arbeitsbedingungen sorgen.
Was am Morgen des 3. März 2026 in Winterthur passierte, war historisch. Zwischen 4:28 Uhr, demjenigen Zeitpunkt, an welchem normalerweise der erste Bus das Depot der städtischen Busbetriebe verlässt, und 8:30 Uhr fuhren beinahe keine Busse. Der Grund: Die Busfahrer:innen von Stadtbus Winterthur haben die Arbeit niedergelegt im Kampf um gerechte Arbeitsbedingungen. Ein Streik im Nahverkehr gab es in Winterthur noch nie und hat auch in der übrigen Schweiz Seltenheitswert.
Die Geschlossenheit und Entschlossenheit des Personals im Kampf für gerechte Arbeitsbedingungen sind beeindruckend. Der Streik wurde an einer Versammlung beschlossen, bei welcher über hundert Fahrdienstmitarbeitende teilnahmen. Am Streik selbst waren rund 150 von ihnen vor Ort, um gemeinsam für ihre legitimen Anliegen zu kämpfen. Zusammenzustehen ist für die Busfahrer:innen in Winterthur allerdings nichts Neues. Bereits Ende 2024 wurde eine Petition eingereicht, welche von über 80% des Personals unterzeichnet wurde. Gefordert wurde dabei das Gleiche wie heute.
Im Zentrum der Forderungen standen die Zulagen für Nacht- und Sonntagsarbeit. Diese sind bei Stadtbus Winterthur im Branchenvergleich tief. Ausserdem erhalten die übrigen städtischen Mitarbeitenden die Zulagen bereits zwei Stunden früher. Weiter wird eine gerechte Lösung für Einspringerdienste gefordert. Aktuell wird vom Personal maximale Flexibilität verlangt, während Minuszeiten entstehen, wenn kein Aufgebot erfolgt – ohne Entschädigung. Zu guter Letzt wurde eine Dienstplanung gefordert, welche die Mitarbeitenden nicht immer weiter ins Minus treibt.
Wer den öffentlichen Verkehr am Laufen hält, sorgt dafür, dass unsere Städte funktionieren. Diese Arbeit verdient Respekt – und faire Bedingungen. Doch genau dieser Respekt fehlte mehr und mehr. Anstelle von Wertschätzung erfuhren die Beschäftigten von Stadtbus Winterthur Kostenoptimierungen auf Kosten von ihren Arbeitsbedingungen. Es wurden zwar immer wieder Verbesserung gefordert, aber darauf wurde nicht eingegangen. Das Personal wurde immer wieder vertröstet, Anliegen wurden auf die lange Bank geschoben oder ganz vom Tisch gewischt. Dass der Konflikt nun eskaliert ist, liegt nicht am Personal, sondern an der hartnäckigen Ignoranz der Verantwortlichen.
Die Busfahrer:innen haben gezeigt, dass es sich lohnt, zusammenzustehen und sich zu organisieren. Sie haben gezeigt, dass Solidarität eine Notwendigkeit ist im Kampf für gerechte Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig wurde der Streikbeschluss nicht leichtfertig gefällt. Doch wenn die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Verkehr nicht stimmen, dann leidet die Sicherheit der Fahrgäste. Im Bewusstsein um ihre Verantwortung gegenüber der Bevölkerung haben die Kolleg:innen von Stadtbus Winterthur Mut bewiesen und zum Mittel des Streiks gegriffen – und damit ein Signal weit über die Stadt hinaus gesendet.
Nun ist es Zeit, dass die Geschäftsleitung und der Stadtrat ihre Verantwortung gegenüber den Beschäftigten und der Bevölkerung wahrnehmen und endlich handeln. Es hilft nichts, wenn sie versuchen, die Streikbewegung bei Stadtbus Winterthur öffentlich zu diffamieren. Damit giessen sie Öl ins Feuer und riskieren eine weitere Eskalation des Konflikts. Sie sollten ihre Energie dahingehend investieren, zeitnah Lösungen für die vielfältigen Probleme bei Stadtbus Winterthur zu finden und sich der inhaltlichen Debatte zu stellen.
Denn klar ist: Die Kolleg:innen von Stadtbus Winterthur stehen für weitere Schritte bereit. Sie sind und bleiben entschlossen, für die notwendigen Verbesserungen und damit gerechte Arbeitsbedingungen zu kämpfen.
Micha Amstad, Zentralsekretär VPOD
