Nächster Angriff auf Mindestlöhne: Nicht mit uns!

Artikel

Kolumne zum Mindestlohn-Referendum

Mein Wecker klingelt um 3 Uhr in der Früh. Ich stehe auf, gehe kurz mit dem Hund raus und beginne meine Tour in der Frühzustellung in Winterthur. Ich trage die Zeitungen für verschiedene Zeitungsabos aus. Ich mache meine Arbeit gerne und geniesse dabei die Morgenstille. Täglich sehe ich Füchse, Dachse und Hasen an mir vorbei huschen. Blumen verbreiten einen parfüm-ähnlichen Geruch während der frühen Morgenstunden.

Diese Arbeit mache ich seit 15 Jahren während sechs Tagen in der Woche von 4 bis 6:30 Uhr. Ich verdiene 19.57 brutto pro Stunde mit je 10% Nacht- und Ferienzuschlag obendrauf. Das macht knapp 1'000 CHF pro Monat. Damit kann ich mir zu Essen, mal eine Jacke oder ein Paar Schuhe kaufen. Mit der AHV-Rente von meinem Mann macht das knapp 3'400 CHF, die wir pro Monat zu viert (mit unseren zwei Kindern, die noch zu Hause wohnen) zur Verfügung haben. Während meinen 15 Jahren in der Frühzustellung konnten wir uns keine Ferien leisten, weil ich im Stundenlohn angestellt bin und das einen Lohnausfall bedeuten würde. Jeder einzelne Franken zählt. Vor der Pension hatte mein Mann eine IV-Rente bezogen. So mussten wir vor ein paar Jahren mit knapp 3'000 CHF eine 4-köpfige Familie durchbringen. 

In die Arbeitswelt bin ich schon im Tieflohnsektor mit einer Lehre als Köchin eingestiegen. Als ausgelernte Köchin habe ich damals 1'800 CHF verdient und mit 60-80 Stunden pro Monat sehr viel gearbeitet. Nach fünf stressigen Jahren in der Küche wollte ich einer Arbeit mit regelmässigeren Arbeitszeiten nachgehen und habe im Verkauf begonnen zu arbeiten. Dann wurde ich Mutter von zwei Kindern und habe mich zu Hause um sie gekümmert. Nach zwei Jahren habe ich wieder mit einem 60%-Pensum im Verkauf bei der Migros begonnen. Zusätzlich habe ich meine Kinder grossgezogen und meine Schwiegereltern gepflegt. Der Wiedereinstieg in das bezahlte Berufsleben war für mich zusammen mit der Care Arbeit mit grossem Druck verbunden, sodass ich eine psychische Erkrankung erlitt und in einer Klinik wieder gesund werden musste. Danach habe ich meine Anstellung bei Presto als Zeitungsausträgerin in der Frühzustellung gefunden.

Mein Lohn bei Presto ist unter dem GAV in der Zustellung geregelt. 2024 fanden die letzten Verhandlungen statt und es wurde eine Erhöhung von 30 Rappen pro Jahr ausgehandelt. Allerdings gehen die Anzahl Zeitungsabos zurück und die Teuerung steigt von Jahr zu Jahr. So werden die 30 Rappen wieder aufgefressen ohne, dass wir Zeitungsausträgerinnen davon profitieren könnten. Mit dem demokratisch bestimmten Mindestlohn im Sommer 2023 von 23 CHF brutto in Winterthur wäre dies eine klare Aufbesserung von meinem Lohn und würde es mir endlich erlauben einen existenzsichernden Lohn zu erhalten. Es ist eine Sauerei, dass die Umsetzung des Mindestlohnes von der Arbeitgeberseite so in die Länge gezogen wurde.  

Ich habe solche Angriffe immer und immer wieder erlebt und kann sie nicht mehr einfach so hinnehmen! Ich habe durch meine Arbeit in der Personalkommission bei Presto und mein Engagement bei Syndicom gelernt, wie wir uns wehren können. Dazu gehören eine grosse Portion Mut und Ausdauer. Wenn keiner den Mut hat hinzustehen, um zu zeigen, wie Leute in der Schweiz wirklich leben, dann ändert sich nie etwas. Deshalb habe ich mich auch bei der Mindestlohn-Initiative engagiert: Ich habe mich in den Medien exponiert, Flyer verteilt und Unterschriften gesammelt.

Nun müssen wir schon wieder den nächsten Angriff aus Bundesbern abwehren: Tiefere GAV-Mindestlöhne sollen höhere demokratische beschlossene Mindestlöhne aushebeln. Das fühlt sich nach einem grossen Verrat an und ich fühle mich von den Menschen im Parlament nicht vertreten. Dieser Entscheid zeigt, dass keine Briefträgerin oder Fabrikarbeiter im Parlament sitzt. 
Diesen Angriff aus Bundesbern müssen wir abwehren! Lassen wir uns nicht unterkriegen und sammeln wir zusammen in den nächsten drei Monaten Unterschriften für das Referendum!

Susanna Bossard, Zeitungsausträgerin in der Frühzustellung und Syndicom Mitglied
 

Top