Vor den Sommerferien habe ich meine 6.Klässler:innen verabschiedet, während ich mich bereits auf den neuen Klassenzug vorbereitete. Vom Stundenplan, der Organisation eines Schnuppernachmittags bis zur Teilnahme an einzelnen Standortgesprächen zukünftiger Schüler:innen gab es Einiges zu tun – all dies, während ich einen würdigen Abschluss mit meiner noch aktuellen Klasse zu gestalten versuchte. Diese Überschneidung stellte nicht nur eine organisatorische Herausforderung dar, ich spürte auch eine emotionale Zerrissenheit. Trotzdem mute ich mir das alle zwei Jahre zu. Warum?
Aus Leidenschaft, um Schüler:innen auf ihrem Weg zu begleiten – so lautet die Antwort vieler Lehrpersonen, wenn man sie fragt, warum sie diesen Beruf gewählt haben. Tatsächlich ist es toll, tagtäglich ein unmittelbares und ehrliches Feedback zu erhalten oder einen «Aha»-Moment hautnah miterleben zu dürfen. Damit ich solche Momente wahrnehmen und bestenfalls sogar geniessen kann, brauche ich entsprechende Arbeitsbedingungen. Die 100 Stunden, welche im vergangenen Schuljahr für meine Klassenlehrpersonentätigkeit in meinem Berufsauftrag standen, hatte ich schon Anfang Dezember aufgebraucht. Die Zeit reicht schlicht und einfach nicht für die unzähligen Aufgaben, welche ich als Klassenlehrerin habe.
Neben den offensichtlichen Tätigkeiten wie Materialbestellungen, Beurteilen, Klassenführung und regelmässigem Elternkontakt beanspruchen die Absprachen mit meinem Klassenteam und zusätzlichen Fachstellen viel Zeit. Dank unserer sorgfältigen Absprachen konnten einige Schüler:innen mit besonderen Bedürfnissen während den vergangenen zwei Jahren an meinem Regelunterricht teilnehmen und waren gut in die Klasse integriert – solche Erfolgsgeschichten zeigen mir, dass sich die geleisteten Überstunden lohnen. Ausgezahlt werden sie mir jedoch nicht.
Die Arbeitszeit von Volksschullehrpersonen wird im sogenannten «neuen Berufsauftrag» (kurz nBa) geregelt. Dieser bestimmt wie viel Jahresarbeitszeit eine Lehrperson arbeiten muss, oder passender: wofür sie bezahlt wird. Die Stunden werden unterschiedlich zugewiesen: Für Jede Lektion, die in einer Woche unterrichtet wird, gibt es einen Faktor (aktuell 58h Jahresarbeitszeit für eine Wochenlektion). Darin integriert ist die Vor- und Nachbereitungszeit. Für Ämter gibt es Stunden, die die Schulleitung verteilen kann und gewisse Funktionen sind an Pauschalen geknüpft. Die Klassenlehrpersonenpauschale wird – wie der Name sagt –nicht an die Anzahl Schüler:innen in einer Klasse angepasst, sondern unabhängig von der Klassengrösse (welche im Kanton Zürich von 16 bis 28 Schüler:innen variieren kann) pauschal verteilt. 100h erhält jede Klassenlehrperson aktuell für ein Schuljahr. Mit jedem zusätzlichen Kind erhöht sich jedoch der Aufwand in zahlreichen Tätigkeiten: Aufgaben korrigieren, Lerngespräche führen, Beobachtungen dokumentieren, Zeugnisse machen – nicht zuletzt leidet auch die Beziehungsarbeit, in die ich pro Kind schlicht und einfach weniger Zeit investieren kann. Immer wieder kommen auch Situationen hinzu, welche nicht vorhersehbar sind. Belastende Familiensituationen, Neuzuzüge, Schulpsychologische Abklärungen … Ich könnte noch eine Seite füllen.
Dank des relativ guten Lohns – insbesondere im Vergleich zu den Löhnen in anderen Care-Berufen wie beispielsweise der Betreuung – ist eine Massnahme, welche immer mehr Lehrpersonen zur Entlastung ergreifen, eine Pensenreduktion. Diese führt gleichzeitig aufgrund von mehr Absprachen und einem höheren organisatorischen Aufwand wiederum zu zusätzlichen unbezahlten Aufgaben – auch das ist keine langfristige Lösung. Wir Lehrpersonen werden zudem oft dazu angehalten, Abstriche in unserem Kerngeschäft – dem Unterricht – zu machen. Diese Massnahme führt aber zu einem Verlust der Bildungsqualität, weshalb die Erhöhung des Lektionenfaktors ebenfalls dringend nötig ist.
Die Arbeit, welche ich als Klassenlehrperson leiste, ist wichtig – damit ich sie langfristig aufrechterhalten kann, muss die geleistete Überzeit aber auch anerkannt und entlöhnt werden. Der Vpod fordert seit Jahren eine Erhöhung der Pauschalen und Faktoren. Ein erster Schritt, der zwar unter unseren Forderungen liegt, aber zumindest eine Verbesserung mit sich bringt, ist die Erhöhung der Pauschale von 100 auf 160 Stunden und die Erweiterung des Lektionenfaktors von 58 auf 59 Stunden.
Deswegen am 27. September «JA zum Lehrpersonal-Kompromiss!»
Anja Steden, Klassenlehrerin in Winterthur, Aktivistin der Volksschul- und der Bildungsgruppe des VPOD Zürich
