Drei Wochen, zwei Konzerne, ein Widerspruch. Burckhardt Compression will 220 Stellen streichen, 150 davon in Winterthur. Zimmer Biomet 580 Stellen, alle in Winterthur. Beide Firmen begründen das mit «Wettbewerbsfähigkeit» und «nachhaltigem Erfolg». Beide schreiben glänzende Zahlen. Wer diese zwei Tatsachen nebeneinanderlegt, versteht: Hier wird nicht gespart, weil es nötig wäre. Hier wird umverteilt, von der Belegschaft zu den Aktionären.
Bei Burckhardt hat sich der Konzerngewinn in den letzten fünf Jahren verdoppelt, die Dividenden wurden verdreifacht. 2025 verdiente die Firma 110 Millionen Franken. Mit dem Stellenabbau will sie 20 Millionen sparen; die Aktionäre freuen sich auf eine Marge von 12 Prozent.
Bei Zimmer Biomet dieselbe Logik, nur eine Nummer grösser: 705 Millionen Dollar Reingewinn im 2025, fast drei Milliarden Dollar für Dividenden und Aktienrückkäufe seit 2022; mehr als der Konzern im gleichen Zeitraum verdient hat. Und nun ein Abbau in nie gesehenem Ausmass. Am Ende bleibt ein Rumpf.
Und die bürgerliche Antwort? FDP, Mitte und SVP haben sich im Kantonsrat zu einer Fraktionserklärung aufgerafft mit üblicher Diagnose: Steuern senken, Bürokratie abbauen, den Staat verschlanken. Es gibt kein Problem auf dieser Welt, dass die FDP und ihre Partner nicht mit den Rezepten aus den 80ern lösen können. «Mehr Freiheit, weniger Staat.»
Zwei Dinge dazu: Zuständig für Wirtschaftspolitik im Kanton Zürich ist die Volkswirtschaftsdirektion. Hier werden die Weichen gestellt. Hier müssten obige Forderungen in erster Linie umgesetzt werden. Nur: Seit Gründung des Bundesstaates ist die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich fest in bürgerlicher Hand. Noch nie (sic!) haben die Linken auch nur einen Fuss zur Tür hineingekriegt. Mehr als 100 Jahre an der Macht und doch macht der Staat nicht, was er soll?
Und zweitens: Die Analyse geht komplett an der Realität vorbei. Zimmer Biomet hat den Hauptsitz längst ins steuergünstige Zug verlegt; und vorher wie nachher
verschwinden die Gewinne in Aktienrückkäufen. Burckhardt klagt nicht über Bürokratie, sondern verdoppelt seinen Gewinn. Keine einzige Stelle in Winterthur wäre mit tieferen Steuern gerettet worden. Wer die Ursache falsch benennt, wird nie die richtige Antwort liefern. Aber die Forderung nach Steuersenkungen ist bequemer als die Frage, wohin die Gewinne fliessen.
Allein gelassen werden damit die Menschen vor Ort; sie sind es, die den Preis für diese fehlgeleitete Politik zahlen. Es ist bezeichnend, dass Winterthurs Stadtrat seit der Ankündigung aktiv und öffentlich um jeden Arbeitsplatz kämpft; aus der Volkswirtschaftsdirektion aber ausser einem kurzen Zitat im Tages Anzeiger am Tag der Ankündigung wenig zu hören ist. Fabrikhallen sind offenbar, so ist zumindest zu vermuten, weniger sexy als Startups und Roboter.
Was es wirklich bräuchte, ist eine Politik, die nicht nur Startups und neue Technologien ansiedeln will, sondern eine, die sich um die Bedürfnisse und Arbeitsplätze der Menschen vor Ort kümmert. Und dabei auch bereit ist, in das Kleinklein der komplexen Fragen einzusteigen. Wie bringen wir bspw. die Parkplatz-Bedürfnisse eines 3-Schicht-Betriebs und dasjenige der Bevölkerung nach verkehrsberuhigten Strassen zusammen? Wie verhindern wir, dass Investoren mit lukrativen Bürotürmen rare Industrieflächen zubauen? Wie fördern wir zukunftsweisende Technologien und vergessen dabei nicht diejenigen, die seit Jahrzehnten tagtäglich in der Produktion, auf der Baustelle oder im Detailhandel ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung liefern? Und wie stellen wir sicher, dass die Erträge all dieser Arbeit nicht zu anonymen Aktionären ins Ausland fliessen; sondern hier vor Ort denjenigen zu Gute kommen, die sie auch geleistet haben?
Was wir brauchen, ist eine andere Wirtschaftspolitik. Eine, die die Arbeitnehmenden und ihre Familien ins Zentrum stellt; und nicht Aktionäre und Investoren. Im Frühjahr sind Wahlen. Es ist an uns, sie dann an unseren Ansprüchen zu messen.
Serge Gnos, GBKZ-Präsident und Co-Leiter Unia Zürich-Schaffhausen
