Als 16-jährige Saisonniere reiste ich im Dezember 1976 in die Schweiz ein. Mit allen anderen Saisonniers stand als Erstes die sanitäre Grenzkontrolle in Genf an. Frauen und Männer wurden getrennt einer körperlichen Untersuchung unterzogen. Wir Frauen mussten uns oben nackt ausziehen und wurden von weiblichem Sanitätspersonal untersucht. Ich merkte, dass dies für ältere Frauen mit Scham verbunden war. Ich selbst fühlte mich nicht unwohl, da wir nur unter Frauen waren. Von der Grenzkontrolle ging es für mich dann zu meiner ersten Arbeitsstelle in Davos auf dem Weissfluhjoch. Da war ich von Anfang Dezember bis Ende April als Büffettochter für die Wintersaison angestellt. Danach bin ich zurück nach Spanien gefahren. Für die Sommersaison bin ich wieder in die Schweiz gekommen, um auf der Göscheneralp im Kanton Uri zu arbeiten. Am Ende der Sommersaison bin ich wieder nach Hause gefahren. Dieses hin und her wiederholte ich während 5 Jahren. Wir Saisonniers arbeiteten dort, wo man uns brauchte, aber nie länger als 9 Monate am Stück gemäss dem Rotationsprinzip. Wir waren Menschen, aber wurden wie Ware behandelt.
Mein Arbeitgeber auf dem Wyssflujoch bemühte sich, uns Saisonniers gutes Essen und eine vernünftige Unterkunft zu bieten. Auf der Göschener Alp war das Verhältnis zum Arbeitgeber unpersönlicher. Abendessen gab es um 17 Uhr, danach nichts mehr. An meinem ersten Tag dachte ich, das sei das Zvieri. Die anderen Saisonniers lachten und sagten mir, ich solle so viel essen wie ich könne.
Unter den Saisonniers herrschte grosse Solidarität. Die älteren Saisonniers haben geschaut, dass wir neueren Saisonniers nichts falsch machen: «Du darfst nicht so laut sein. Das haben die Schweizer nicht so gerne.» oder «Du musst wirklich pünktlich sein. Am besten 5 Minuten früher.» Wir haben versucht, uns so zu verhalten, wie es üblich war im Land. Wir haben uns angepasst und wollten nicht auffallen.
Trotz dieser Lebensumstände wollte ich mein Leben längerfristig in der Schweiz aufbauen. Denn zu Hause in Spanien unter der Franco Diktatur erwartete mich ein Leben in ständiger Angst und Unterdrückung. Vor allem als Frau warst du unter Franco nicht viel Wert. Männer und die katholische Kirche haben die Gesellschaft dominiert. Die Kirche stand über den Richtern. Als junges Mädchen beobachtete ich, wie eine Frau – die von ihrem Mann geschlagen geworden war und Zuflucht bei ihren Eltern gefunden hatte – von einem Pfarrer wieder zu ihrem Mann zurückgebracht wurde. Menschenleben waren auch sonst nicht viel Wert. Angebliche Staatsfeinde wurden an die Wand gestellt und erschossen. In den Tagen darauf wurden diese Taten in den Staatszeitungen glorifiziert. In so einem Land wollte ich nicht mehr leben. Deshalb empfand ich es, insbesondere als Frau, als eine Chance, in der Schweiz zumindest arbeiten zu können.
Nach der Saisonarbeit konnte ich in der Schweiz durch die B-Bewilligungskontingente im sozialen Bereich eine Arbeit finden. Und habe so bis zur Pensionierung meinen Beitrag zur Gesellschaft in der Schweiz geleistet. Ich habe mir immer Mühe gegeben, Deutsch gelernt und mich an die Schweizer Kultur angepasst. Dass wir schon wieder über eine migrationsfeindliche Initiative wie die «Keine 10 Millionen Schweiz» abstimmen müssen, enttäuscht mich. Und ich finde die Initiative verlogen. Die Initiative verspricht Nachhaltigkeit, aber eigentlich geht es um die «Überfremdung». Es geht darum, welche Menschen in die Schweiz kommen dürfen. Die, die viel verdienen sind willkommen. Es braucht aber auch die, die WCs putzen und unsere Strassen bauen! Und zwar unter menschwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Durch meine Erfahrungen unter der Franco Diktatur und mit dem Saisonnierstatut bin ich überzeugt: Als Gesellschaft müssen wir wach bleiben und aufpassen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Denn eine Annahme der Chaos-Initiative bedeutet, dass das Saisonnierstatut in der einen oder anderen Form wieder eingeführt wird, weil die Arbeit in der Pflege, auf dem Bau und anderen Bereichen von jemandem gemacht werden muss. Fallen wir nicht auf die rechte Hetze rein. NEIN zur Chaos-Initiative am 14. Juni!
Delfina Gonzalez, ehemalige Saisonarbeiterin und Syndicom Sympathisantin
