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Chronologie des Zürcher Gewerkschaftsbundes in Stichworten

Zusammengestellt von Heinz Gabathuler, Juli 2011

  • Aus dem „Zentralausschuss der Grütli- und Arbeitervereine des Bezirks Zürich“ bildet sich nach der Eingemeindung von 1894 die Arbeiter-Union Zürich, in der Gewerkschaften sowie politische und Bildungsvereine zusammengeschlossen waren, die „auf dem Boden der Sozialdemokratie“ standen. Sie ist überwiegend ein Wahlkampfinstrument der Sozialdemokratie.
    In Winterthur besteht ab 1900 eine Arbeiter-Union mit einem Sekretariat.
  • 1897 wird die Arbeitskammer Zürich gegründet, die nur von Gewerkschaften getragen ist. Einige dieser Gewerkschaften sind eher unpolitisch und nicht Mitglied der Arbeiter-Union. Die Arbeitskammer verfolgt, teils aus taktischen Gründen, rein wirtschaftliche Ziele und ist „politisch und religiös neutral“. Sie betreibt eine Rechtsauskunftsstelle für ArbeitnehmerInnen (kostenlos für Organisierte, gegen Gebühr für nicht Organisierte) und baut eine Arbeitsnachweis- bzw. Arbeitsvermittlungsstelle auf. Für Letzteres gibt es Subventionen von der Stadt.
    Erster Sekretär der Arbeitskammer ist der ehemalige Typograph Adolf Lüchinger, der später Oberrichter wurde. Als Präsident amtet ab 1899 der Arzt Friedrich Erismann, der 1901 in den Stadtrat gewählt wird. Zeitweiliger Vizepräsident ist der Jurist und spätere Nationalrat David Farbstein.
    Der Arbeitskammer sind bei der Gründung 47 Gewerkschaften mit insgesamt weniger als 6'000 Mitgliedern angeschlossen. Die Räumlichkeiten befinden sich zunächst im Niederdorf; im Oktober 1910 erfolgt der Umzug ins neu erbaute Volkshaus, wo der GBKZ noch heute seinen Sitz hat.
  • 1900 wird die Arbeitskammer in die Arbeiter-Union überführt, insbesondere weil in diesem Jahr das Arbeitsamt der Stadt Zürich seine Arbeit aufnimmt und so ein Kernpfeiler der Tätigkeit, die Arbeitsvermittlung, wegfällt. Die Rechtsauskunft wird weiter geführt. Die Arbeiter-Union wird von einem Präsidium, einem politischen und einem gewerkschaftlichen Komitee geführt.
    Sie befasst sich mit Behördenwahlen auf allen Staatsebenen und nimmt Einfluss auf die kommunale und kantonale Gesetzgebung und Verwaltungspraxis. Sie ist überdies vernetzt mit der Konsumgenossenschaftsbewegung (LVZ, später Coop Zürich)
  • Die Arbeiter-Union ist im Schweizerischen Gewerkschaftsbund und an den schweizerischen Arbeitertagen vertreten.
  • 1909 gründet die Arbeiter-Union ihre eigene Zentralbibliothek, später Unionsbibliothek.
  • 1912 organisiert sie den 24-stündigen Generalstreik auf dem Platz Zürich.
  • Ende 1913 sind der Arbeiter-Union 48 Gewerkschaften mit insgesamt ca. 13'500 Mitgliedern angeschlossen. Im selben Jahr wird in Zürich unter grosser Anteilnahme der organisierten Arbeiterschaft August Bebel begraben; er war zuvor im Volkshaus aufgebahrt.
  • 1914 werden die gewerkschaftlichen und politischen Funktionen getrennt. Unter dem Dach der Arbeiter-Union werden nur noch die die 1. Mai-Kundgebungen organisiert. Die frühere Arbeiterkammer (Rechtsauskunft) ebenso wie die Unionsbibliothek wird vom Gewerkschaftskartell Zürich (GKZ) betrieben, welches nun als eigener Dachverband institutionell klar von der Sozialdemokratischen Partei getrennt ist.
    Im selben Jahr ist erstmals von der Teilnahme an einem kantonalzürcherischen Gewerkschaftstag die Rede.
  • Im ersten Weltkrieg nehmen die Zürcher Gewerkschaften eine klar pazifistische Haltung ein und befürworten die Schweizer Neutralität. Die Mitgliederzahl der GKZ-Verbände nimmt zu Kriegsbeginn zunächst ab, gegen Ende des Kriegs stark zu. Ende 1918, nach dem landesweiten Generalstreik, sind in Zürich und Umgebung über 22'000 Mitglieder in 41 Verbänden bzw. Sektionen organisiert.
  • 1919 wird erstmals auf Anordnung der Behörden der Trambetrieb am 1. Mai eingestellt. Im Juni dessselben Jahres organisiert die Arbeiter-Union Zürich eine Gedenkdemonstration für die ermordeten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.
  • 1921 spaltet sich die Schweizer Sozialdemokratie an der Frage eines Beitritts zur kommunistischen Internationalen. Unter dem Dach der Arbeiter-Union befinden sich nun die SP, die neu gegründete KP und das GKZ, welches die 1. Mai-Kundgebungen ab Mitte der 20er Jahre alleine organisiert. Das sozialdemokratische „Volksrecht“ und der kommunistische „Kämpfer“ sind gleich berechtigte Publikationsorgane für den GKZ.
  • 1925 wird die Unionsbibliothek in eine selbstständige Stiftung überführt. Das GKZ engagiert sich während Jahrzehnten in der Bildungsarbeit durch die Organisation von Kursen und die Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Zürich.
    Ende 1925 beträgt die Zahl der im GKZ organisierten GewerkschafterInnen nur noch knapp 16'000.
  • Ab 1926 werden die Geschäfte des Kantonalen Gewerkschaftskartells vom GKZ-Sekretariat geführt – so auch die politischen Eingaben an die kantonalen Behörden. Das GKZ fungiert als „Wahlkörper“ für den Vorstand des kantonalen Kartells.
  • 1928 gewinnt die Linke die politische Mehrheit in der Stadt Zürich. Am 1. Mai zieht das GKZ gegen den Protest der Kommunisten die Stadtpolizei offiziell als Ordnungsdienst für die Kundgebung heran. Ab 1929 beteiligt sich die KP nicht mehr am Maibändelverkauf. 1930 werden einzelne kommunistische Mitglieder und kommunistisch beherrschte Gewerkschaftssektion aus dem GKZ ausgeschlossen. Alleiniges Publikationsorgan ist nun das „Volksrecht“.
  • 1928 ist das GKZ Gründungsaktionär der Genossenschaftlichen Zentralbank, der heutigen Bank Coop.
  • 1931 sind in 31 Gewerkschaftssektionen über 26'000 Mitglieder im GKZ organisiert.
  • 1932 distanziert sich das GKZ vom „wilden“, von den Kommunisten unterstützten Streik der Stadtzürcher Heizungsmonteure.
  • In der Krise der 30er Jahre gewinnen die gewerkschaftlichen Arbeitslosenkassen und politische Vorstösse zu Gunsten der Arbeitslosen auf städtischer und kantonaler Ebene eine grosse Bedeutung. Aussenpolitisch wendet sich die Führung des GKZ scharf gegen die imperialistische Politik Deutschlands, Italiens und Japans und solidarisiert sich mit der Spanischen Republik.
  • 1936 wird das GKZ mit einer Statutenreform auch formal ein Organ sowohl des SGB als auch des Kantonalen Gewerkschaftskartells.
  • 1937 wird in Zusammenarbeit mit den Jungbauern des Kantons Zürich ein Hauslieferdienst für landwirtschaftliche Produkte eingerichtet.
  • 1939 vermittelt das GKZ für Gewerkschaftsmitglieder verbilligte Dauerkarten für die Landesausstellung.
  • 1940 wird der Ertragsüberschuss aus dem Maibändelverkauf zu Gunsten der „durch den Militärdienst in Not geratenen Kollegen im Wehrkleid“ verwendet.
  • 1942 wird der gelernte Mechaniker, ehemalige Kommunist und spätere SP-Nationalrat Otto Schütz Leiter des GKZ-Sekretariats. Er führt bis zu seiner Pensionierung 1974 auch die Geschäfte des kantonalen Gewerkschaftskartells, das in der Folge reorganisiert und gestärkt wird. Neu werden auch Vertreter der Landsektionen bzw. lokalen Gewerkschaftskartelle in den Vorstand berufen. Im ganzen Kanton sind über 50'000 Mitglieder gewerkschaftlich organisiert.
  • 1947, zu Beginn der Hochkonjunktur, sind in den 36 Sektionen des GKZ 41'000 Mitglieder organisiert, so viele wie nie zuvor. Dem kantonalen Kartell sind über 70'000 GewerkschafterInnen angeschlossen.
    Im Kanton Zürich existieren 5 lokale Gewerkschaftskartelle und 9 unentgeltliche Rechtsauskunftsstellen, die vom Kanton subventioniert werden. Das kantonale Gewerkschaftskartell koordiniert diese Mittelbeschaffung.
    In diesem Jahr werden die Wirtschaftsartikel der Bundesverfassung und die Einführung der AHV vom Volk angenommen. Der Jahresbericht des GKZ beklagt, dass sich bei den eidgenössischen Wahlen „viele Arbeiter durch die Konjunktur verleiten liessen, anders zu wählen, als sie es auf Grund ihrer Stellung im Wirtschaftsleben hätten tun sollen, oder überhaupt der Urne fern blieben“.
  • War die weltpolitische Rolle der Sowjetunion am Ende des Zweiten Weltkrieges noch positiv beurteilt worden, kippt die Stimmung nach den Aufständen in Polen und Ungarn. Otto Schütz leitet im November 1956 eine Solidaritätskundgebung mit dem ungarischen Volk, an der Nationalrat Bringolf die Hauptansprache hält.
    Die Mitgliederzahl in der Stadt war auf 44'000, im Kanton auf 77'000 angewachsen, und im Kanton Zürich betrieben die Gewerkschaftskartelle 11 Rechtsauskunftsstellen.
  • Der Höchststand der Mitgliederzahlen in der Stadt Zürich wird 1959 mit über 46'000 erreicht; im Kanton werden in den frühen 60er Jahren Höchststände mit über 81'000 verzeichnet.
    Die anhaltende Hochkonjunktur ist begleitet von zunehmender Einwanderung von Arbeitskräften aus Südeuropa. Deren wirtschaftliche Folgen werden teilweise mit Skepsis betrachtet; das GKZ distanziert sich aber entschieden von der aufkommenden Fremdenfeindlichkeit.
  • Am 1. Mai 1968 marschiert das GKZ unter der Parole „Frieden in Vietnam“. Der Vietnamkrieg und die Ereignisse in der Tschechoslowakei interessieren mehr als die Globuskrawalle in Zürich, welche im Jahresbericht keine Erwähnung finden.
    Im Kanton Zürich existieren nun 6 lokale Gewerkschaftskartelle; in der Stadt sind noch gut 41'000 Mitglieder beim GKZ gemeldet.
  • 1974 übergibt Otto Schütz das Sekretariat an Walter Zogg. Schütz bleibt bis zu seinem Tod ein Jahr später im Bundeskomitee des SGB, im Zürcher Gemeinderat und im Nationalrat.
    Die Hochkonjunktur ist zu Ende. In der Stadt Zürich sind noch 34'000 Mitglieder in einem GKZ-Verband organisiert.
  • 1978 bestehen 8 lokale Gewerkschaftskartelle und 12 vom Kanton subventionierte Rechtsauskunftsstellen. Die Mitgliederzahl in der Stadt Zürich sinkt auf unter 25'000.
  • 1980 wird der bisherige Präsident Alfred Affolter Sekretär des Gewerkschaftskartells, und der bisherige Sekretär Walter Zogg wechselt ins Präsidium des städtischen Kartells.
  • Die 1. Mai-Kundgebungen sind, anders als noch unter Otto Schütz, in den späten 70er Jahren zunehmend Gegenstand von Querelen zwischen der Führung des GKZ und den Organisationen der „Neuen Linken“. 1979 wird ein nicht genehmigter Stand der Revolutionären Marxistischen Liga am 1. Mai-Fest von der GKZ-Führung handgreiflich entfernt. 1981 eskaliert die Kundgebung durch eine Störaktion von AnhängerInnen der Jugendbewegung. 1982 schliesslich wird von Gruppierungen der Neuen Linken und Teilen der SP das 1. Mai-Komitee gegründet, welches ein eigenes Volksfest im Anschluss an die Kundgebung organisiert.
  • Im Vorfeld der Stadtratswahlen 1982 kommt es auch zu einem offenen Streit mit der SP-Stadtpartei um die Nominierung von Max Bryner, Emilie Lieberherr und Jürg Kaufmann. Diese werden in den Stadtrat wiedergewählt und sind nun die „gewerkschaftliche Stadtratsfraktion“. Die SP ist während vier Jahren nicht mehr im Stadtrat vertreten.
    Die konfrontative Politik der GKZ-Führung gegenüber 1. Mai-Komitee und SP ist innerhalb der gewerkschaftlichen Basis stark umstritten.
  • 1982 bestehen 18 Rechtsauskunftsstellen im Kanton Zürich. Das Kantonale Gewerkschaftskartell solidarisiert sich mit den von der Schliessung der Wagonsfabrik Schlieren betroffenen ArbeitnehmerInnen.
  • 1984 werden die kantonalen und lokalen Gewerkschaftskartelle in Gewerkschaftsbünde umbenannt. Fortan bestehen der Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich (GBKZ), der Stadt Zürich (GBZ), des Bezirks Winterthur (GBW), sowie des Bezirks Affoltern und des Zürcher Unterlandes.
  • Anfang 1989 wird mit Martin Uebelhart ein Exponent des linken Flügels Sekretär von GBKZ und GBZ. Die GBKZ-Delegierten beschliessen die Lancierung einer kantonalen Volksinitiative für ein kommunales AusländerInnen-Stimm- und Wahlrecht. Diese wird 1993 mit 75 % der Stimmen vom Volk abgelehnt.
    Die Beziehungen zum 1. Mai-Komitee entspannen sich im Laufe der 90er Jahre.
  • Am 14. Juni 1991 ist der Frauenstreiktag mit einer Grosskundgebung auf dem Helvetiaplatz ein grosser Erfolg; er wird getragen von einer aktiven und engagierten Frauenkommission im GBKZ.
  • 1992 führt erstmals eine Frau den GBKZ an: Die spätere Nationalrätin Jacqueline Fehr löst als Präsidentin Dani Nordmann ab.
  • 1995 geraten GBZ und GBKZ in eine finanzielle Schieflage. Im Zuge einer Reorganisation werden die beiden Sekretariate personell entflochten. Neben der Frauenkommission sind eine Migrations- und eine Jugendkommission aktiv. Die Zahl der Delegierten wird von 356 auf 145 reduziert.
  • 1997 organisiert der GBZ unter dem Ko-Präsidium von Monika Spring und Salvatore Di Concilio auf dem Platzspitz den ersten Lauf gegen Rassismus und Antisemitismus.
  • Auf Ende 2000 schliesst, nach über 113 Jahren Bestehens, wovon über 90 Jahre im Volkshaus, die Rechtsauskunftsstelle des GBZ, nachdem der Kanton seine Subventionen eingestellt hatte. Der GBZ ist weiterhin Träger der vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk betriebenen Beratungsstelle impuls-treffpunkt.
    Im selben Jahr trägt der GBZ massgeblich zur Ablehung der EWZ-Privatisierung auf städtischer Ebene bei. 2001 wird dieser Erfolg auf kantonaler Ebene wiederholt.
  • 2001 lanciert der GBKZ die Volksinitiative für höhere Kinderzulagen, die in der Volksabstimmung 2004 scheitert.
  • 2007 lanciert der GBKZ die Volksinitiative „Kinderbetreuung JA!“, die 2010 mit der Annahme des kantonsrätlichen Gegenvorschlags in einen Teilerfolg mündet.
  • Auf Anfang 2009 erfolgt die Auflösung des GBZ und seine Integration in den GBKZ, dessen Vorstand eine Kommission für Stadtzürcher Angelegenheiten an die Seite gestellt wird. Der GBKZ ist nun auch für die Organisation der 1. Mai-Kundgebung in der Stadt Zürich zuständig. Weiterhin bestehen bleiben der GBW mit einem professionellen Sekretariat und einer Rechtsauskunftsstelle, sowie der Gewerkschaftsbund Affoltern.

 

Quellen und Literatur

  • Jahresberichte von Arbeitskammer, Arbeiter-Union, Gewerkschaftskartell und Gewerkschaftsbund Zürich, 1897 – 2010, im Schweizerischen Sozialarchiv.
  • Urs Anderegg: Der 1. Mai in der Schweiz, Diss. Universität Bern. Marburg (Tectum) 2008, S. 293 ff.
  • Erich Gruner: Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880-1914. Zürich (Chronos) 1988, Bd. 2/2, S. 781 ff. und 803 ff.
  • Steffen Lindig: „Der Entscheid fällt an den Urnen“ – Sozialdemokratie und Arbeiter im Roten Zürich 1928-1938. Zürich (eco-verlag) 1979, S. 139 ff.