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Mehr Demokratie für alle – jetzt!

- Angelo Barrile ist Assistenzarzt, Kantonsrat SP, Mitglied vpod
"Wir riefen Arbeiter und es kamen Menschen". Wer kennt es nicht, dieses Zitat von Max Frisch? Es ist zwar schon mehrere Jahrzehnte alt, aber nach wie vor sehr aktuell. Damals in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es ein sehr simples Konzept von Integration: gar keines. Sie war nicht erwünscht. Es herrschte viel mehr die Vorstellung, dass die GastarbeiterInnen in die Schweiz kommen, hier ein paar Jahre arbeiten und dann wieder in ihre Ursprungsländer verschwinden, spätestens dann, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Dies war häufig auch der Wunsch der Menschen selber, die damals in unser Land kamen. Aber es kam anders! Viele Menschen fanden hier eine neue Heimat, wollten dann ihre Kinder nicht entwurzeln und entschieden sich, in der Schweiz zu bleiben. Ihre Kinder gingen zur Schule und erlernten einen Beruf. Die nicht gewünschte Integration war plötzlich Realität geworden.
Zum Glück hat sich die Vorstellung von Integration und des Zusammenlebens in unserem Land seither grundlegend stark verändert, auch wenn ich mir dessen nicht immer ganz sicher bin. Und doch gibt es immer noch viele Parallelen. Die Schweiz und ihre florierende Wirtschaft sind nach wie vor auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Das Gesundheitswesen mit dem Mangel an qualifiziertem, inländischem Personal sei hier als ein Beispiel zu nennen.
Die Italienerin, die seit 40 Jahren in der Schweiz arbeitet und die Tschechin, die hier seit der Geburt lebt, sind wichtige Mitglieder unserer Arbeitswelt. Sie tragen gemeinsam mit uns dazu bei, dass unser Land vorwärtskommt. Sie bezahlen Steuern, Sozialversicherungsbeiträge, fahren Tram und gehen ins Kino wie du und ich, sind also vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft. Bei der Gewerkschaft sind sie seit Jahr(zehnt)en dabei und dürfen als vollwertiges Mitglied ihre Stimme abgeben, im Sportverein läuft es ebenso. Für mich ist es unverständlich, wieso dies im politischen Alltag der Gemeinde, in der sie leben, anders ist. Sie sind interessiert am Geschehen in ihrer Umgebung und würden auch gerne mitreden. Es bleibt ihnen jedoch verwehrt, weil sie keine Schweizer Staatsbürgerschaft besitzen.
Stellen Sie sich mal Ihren Arbeitsplatz vor! Wie funktioniert es dort? Tja, bei uns im Gesundheitswesen besprechen wir vieles im Team und treffen wichtige Entscheidungen selbstverständlich gemeinsam. Ich könnte ja bei der nächsten Teamsitzung beantragen, dass mein Kollege mit bolivianischem Pass oder die Kollegin mit deutschem Diplom nicht mitentscheiden dürfen. Natürlich müssten sie aber das Beschlossene trotzdem umsetzen und loyal mittragen. Wir haben zwar lange dafür gekämpft, dass nicht nur eine Kaderperson im Betrieb entscheidet, die Hierarchien wurden flacher...
Nein, so geht es doch nicht! Wir sind ein Team, eine Arbeitsgemeinschaft, die davon lebt, dass alle mitreden, ihr Wissen einbringen und mitentscheiden. Das ist nicht nur gerechter, sondern auch fachlich gesehen sinnvoller.
Die Initiative "für mehr Demokratie" fordert genau dies. Die NachbarInnen ohne Schweizer Pass, die seit mindestens 10 Jahren in der Schweiz leben, sollen auf Gemeindebene ein Stimm- und Wahlrecht erhalten. Wer mit uns arbeitet, hier Steuern bezahlt, die Kinder zur Schule schickt und ein Feierabendbier trinkt, soll ein vollwertiges Teammitglied werden.
Die Unterschriftensammlung läuft noch rund einen Monat. Haben Sie schon unterschrieben oder möchten Sie beim nächsten Teamentscheid auch nur einen Teil der Stimmen zählen?
Angelo Barrile

