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Lucy in the Sky, with Diamonds

- Julia Gerber Rüegg ist Präsidentin des GBKZ (Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich) und Kantonsrätin der SP. Sie arbeitet bei der Unia Region Zürich und Schaffhausen als Verantwortliche für den Vertragsvollzug.
P.S. Kolumne vom 3.12.2010
von Julia Gerber Ruegg*
Die Bahnhofstrasse war voll, der Umsatz gut. Die City-Vereinigung ist zufrieden. Der Nachtverkauf, neudeutsch Nightshopping, hat eingeschlagen. Lucy, die neue Weihnachtsbeleuchtung, leuchtet wie ein Sternenhimmel über der Konsummeile von Downtown Switzerland. Weihnachts-Shopping: ein Einkaufserlebnis, ein Freizeitvergnügen für die ganze Familie, eine urbane Attraktion. Die Bahnhofstrasse als Erlebnispark. Kundinnen und Kunden wie Königinnen und Könige im Schlaraffenland, wo es an nichts mangelt, solange Geld im Portemonnaie und die Kreditkarte gedeckt ist. Wer mag da an Krise denken, an Armut in der Schweiz, an Abzocker und Milliardenverluste.
Nightshopping soll laut Andreas Zürcher, Geschäftsführer der City-Vereinigung, dem modernen Dasein in globalen Metropolen gerecht werden. Zu Zürich als Weltstadt gehören laut City-Vereinigung ständig geöffnete Geschäfte. Ob Tag oder Nacht, ob Werktag oder Sonntag, ob Franken, Euro, Dollar, Rubel oder Renminbi - Hautpsache es rollt.
Einkaufen zu jeder Tages- und Nachtzeit in dauerbeschallten Konsumtempeln, die sich rund um die Welt wie ein Ei dem anderen gleichen – ob Zürich, New York oder Dubai. Ist das Weltoffenheit? Modernität? Urbanität? Lebensqualität? Macht das Zürich aus? In Genf wurde dieses Wochenende eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten klar abgelehnt. Ist Genf deshalb weniger global als Zürich? Werden Wohlstand und Wohlbefinden in einer Stadt heute in Ladenöffnungszeiten gemessen? Kommerz statt Herz. Luxusboutiquen statt Lebensqualität. Mengenrabatt statt Menschlichkeit.
Es ist doch wahnsinnig toll, dass ich mir jetzt auch um 10 Uhr nachts ein Designer-Shirt für 350 Franken kaufen kann - bedient von einer Angestellten, die gerade mal 10 solche Shirts im Monat verdient. Und dass das neue i-Phone auch am Sonntag erhältlich ist, trägt sicher wesentlich zu unserer Lebensqualität bei… Oder etwa doch nicht?
Wir sind nicht mehr bereit, billige Kleider zu kaufen, die irgendwo zu Hungerlöhnen hergestellt wurden. Gut so! Die Clean-Cloths-Kampagne der Erklärung von Bern hat hier vorbildliche Bewusstseins-Arbeit geleistet. Aber wieso kaufen wir die Kleider immer noch in Geschäften, wo die Verkäuferinnen nachts und an Wochenenden arbeiten müssen, obwohl sie sich immer wieder sehr deutlich gegen eine Ausweitung ihrer Arbeitszeiten ausgesprochen haben? Ist uns die Dritte Welt näher als unsere eigene? Oder wollen wir das einfach nicht wahrhaben in unserem Konsumrausch?
Die ständige Zwängerei der Zürcher Verkaufslobby für längere Ladenöffnungszeiten ist nicht Ausdruck von modernem Denken, sondern von Verdrängungskampf und Profitstreben. Dass Grüne und Rote auf den Konsumzug aufspringen, ist kein Zeichen von Weltoffenheit, sondern von Konzeptlosigkeit.
Die Remedur dagegen? Überlegen, wann und wo wir einkaufen. Sich Zeit nehmen – und anderen die Zeit lassen - für das, was wirklich Spass macht und gut tut! Solidarität mit allen, die auch gerne einen freien Abend und einen geruhsamen Sonntag haben. Dafür stehen wir Gewerkschaften ein – im Interesse der Angestellten, aber auch im Interesse von uns allen, die wir uns nicht nur als KundenkönigInnen verstehen. Ich wünsche allen eine beschauliche Adventszeit!
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P.S. Die linke Zürcher Zeitung
P.S. berichtet aus linker Sicht über Politik und Kultur in Stadt und Kanton Zürich.

